Der erste Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahl ordnete die Erwartungen der Anleger neu. Flávio Bolsonaro lag vor Luiz Inácio Lula da Silva – ein Ergebnis, das angesichts der vorherigen Umfragen überraschte und dem starke Kursgewinne an der brasilianischen Börse sowie eine Aufwertung des Real folgten. Die Stichwahl war den ausgewerteten Berichten zufolge für den 25. Oktober angesetzt.
Die Angaben zur Marktreaktion unterscheiden sich je nach Medium und Zeitpunkt im Handelsverlauf. Euronews meldete einen Anstieg des Ibovespa um knapp 8 %, während Bloomberg Línea ein Plus von 7,46 % auf 206.439,63 Punkte berichtete. Infobae zufolge überschritt der Index die Marke von 205.000 Punkten und legte um mehr als 8 % zu. Auch bei den Wechselkursangaben gab es Unterschiede: Den Berichten zufolge fiel der Dollar gegenüber dem Real um rund 4,2 %, wobei der Kurs sich der Marke von fünf Real je Dollar näherte oder darunter sank.
Der Markt bewertete das politische Szenario neu
Die Bewegung spiegelte zum Teil wider, dass Bolsonaro mehr Stimmen erhielt, als die in den Berichten erwähnten Umfragen erwarten ließen. Den veröffentlichten Ergebnissen zufolge erreichte er rund 47 % der gültigen Stimmen gegenüber etwa 45 % für Lula. Der Abstand führte zu einer umkämpften Stichwahl und veranlasste Banken und Investmentgesellschaften, ihre Szenarien zu überarbeiten, bestimmt das Wahlergebnis jedoch nicht für sich genommen.
JPMorgan vertrat die Auffassung, dass der anfängliche Vorsprung und die Zusammensetzung des Kandidatenfelds Bolsonaro in der Stichwahl begünstigen könnten. Goldman Sachs betonte dagegen, dass das Rennen noch offen sei und sein Ausgang von Faktoren wie der Wahlbeteiligung, dem Verlauf der Wahlkämpfe und der Fähigkeit abhänge, Wähler anderer Kandidaturen sowie Nichtwähler für sich zu gewinnen. Die von den Unternehmen genannten Wahrscheinlichkeiten sind eigene Schätzungen und keine Wahlergebnisse.
Die Reaktion an der Börse stützte sich auch auf Erwartungen hinsichtlich der wirtschaftspolitischen Ausrichtung einer möglichen Regierung Bolsonaro. Euronews beschrieb Vorschläge aus seinem Programm zu Steuern, Staatsverschuldung und Privatisierungen. UBS hob die Möglichkeit einer tiefgreifenderen und länger anhaltenden Haushaltskonsolidierung in ihr Basisszenario auf, während JPMorgan darauf hinwies, dass eine mögliche Neubewertung der Aktien neben dem Wahlergebnis auch davon abhänge, das makroökonomische Programm und das Regierungsteam kennenzulernen.
Diese Einschätzungen sind weder mit verabschiedeten Maßnahmen gleichzusetzen noch garantieren sie bestimmte Auswirkungen. Die von einigen Banken veröffentlichten Schätzungen des Aufwärtspotenzials – darunter Szenarien für brasilianische Aktien und den B3-Index – beruhen auf Annahmen zum Wahlausgang und zur Umsetzung fiskalischer Maßnahmen. In der Berichterstattung von Bloomberg Línea verknüpfte UBS eine mögliche Ausweitung der Bewertungen mit der Bestätigung eines glaubwürdigen Haushaltsszenarios; auch JPMorgan ging davon aus, dass Signale zur Wirtschaftspolitik entscheidend sein würden.
Welche Auswirkungen die Bewegung auf Argentinien haben könnte
Infobae untersuchte zwei mögliche Übertragungskanäle zur argentinischen Wirtschaft: den Wechselkurs und die wirtschaftliche Aktivität in Brasilien. Sollte die Aufwertung des Real anhalten, könnten argentinische Waren und Dienstleistungen für brasilianische Käufer relativ erschwinglicher werden. Umgekehrt könnten Reisen und Einkäufe in Brasilien für Argentinier teurer werden – abhängig davon, wie sich der Peso entwickelt.
Angesichts der Handelsverflechtungen ist die Entwicklung der brasilianischen Nachfrage relevant, insbesondere für die Automobilbranche und andere Industriezweige. Infobae zitierte Daten von Abeceb, denen zufolge sich die argentinischen Exporte nach Brasilien im August auf 1.099 Millionen USD beliefen, darunter 446 Millionen USD aus dem Automobilsektor. Eine stärkere brasilianische Währung könnte die relativen Preise verbessern, garantiert für sich genommen aber keinen Anstieg der Verkäufe: Auch die wirtschaftliche Aktivität, die Nachfrage und die Handelsbedingungen spielen eine Rolle.
Gustavo Perego von Abeceb deutete an, dass eine größere politische Übereinstimmung zwischen beiden Ländern dem Handel und den Verhandlungen im Mercosur zugutekommen könnte. Dies ist eine Erwartung hinsichtlich eines möglichen künftigen Szenarios, kein bereits erzieltes Abkommen oder eine schon vollzogene Änderung. Infobae berichtete außerdem, dass der Merval im Tagesverlauf zulegte und der argentinische Länder-Risikoaufschlag sank. Diese Bewegungen führte das Medium auf das bessere regionale Marktumfeld zurück; die Angaben beschreiben den Handelstag und belegen nicht, dass das brasilianische Wahlergebnis die einzige Ursache dafür war.
Derzeit ist vor allem der Unterschied zwischen der unmittelbaren Finanzmarktreaktion und den noch ungewissen wirtschaftlichen Folgen entscheidend. Die Stichwahl, die Festlegungen zur Fiskalpolitik und die Entwicklung des Real werden ausschlaggebend dafür sein, ob die Markterwartungen Bestand haben. Die hier angeführten Zahlen und Prognosen stammen aus den ausgewerteten Berichten und entsprechen deren jeweiligen Veröffentlichungsdaten.