Eine Wahlüberraschung bewegt die Märkte
Der erste Wahlgang der brasilianischen Präsidentschaftswahl gab den Vermögenswerten des Landes unmittelbar Auftrieb. Flávio Bolsonaro erhielt 47,03 % der gültigen Stimmen, gegenüber 45,16 % für Luiz Inácio Lula da Silva, und beide kamen in die für den 25. Oktober angesetzte Stichwahl. Das Ergebnis übertraf die Erwartungen derjenigen, die mit einem Vorsprung Lulas gerechnet hatten, und machte den Senator zum stimmenstärksten Kandidaten der ersten Runde.
Die Reaktion zeigte sich an verschiedenen Märkten. La Tercera zufolge stieg der Ibovespa um 7,85 % und schloss bei 207.190 Punkten, oberhalb der Marke von 200.000 Punkten. Clarín berichtete, dass der Index im Tagesverlauf zeitweise über 209.000 Punkte kletterte und gegen 11 Uhr einen Zuwachs von 8,25 % verzeichnete. Die Zeitung meldete außerdem eine Aufwertung des Real und einen Anstieg des iShares MSCI Brazil ETF im vorbörslichen Handel in New York. Intraday-Kurse und Schlusskurse beziehen sich auf unterschiedliche Zeitpunkte und dürfen nicht verwechselt werden.
Die Einschätzung der Anleger: fiskalpolitische Erwartungen
Die Bewegung war keine Bewertung bereits beschlossener Maßnahmen, sondern eine Reaktion darauf, was nach Ansicht der Marktteilnehmer bei einem Regierungswechsel geschehen könnte. Einige Anleger halten Bolsonaro für eher bereit, die Haushaltskonsolidierung voranzutreiben, und erwarten, dass eine größere Haushaltsglaubwürdigkeit zu niedrigeren Zinssätzen beitragen könnte. Zweifel an Lulas Bereitschaft, die Ausgaben einzudämmen, waren hingegen für einen Teil des Marktes ein Grund zur Sorge, wie Clarín berichtete.
Alejo Czerwonko von UBS erklärte, das Ergebnis habe die Wahrscheinlichkeit eines Regierungswechsels und eines konstruktiveren fiskalpolitischen Rahmens erhöht. In einem solchen Szenario könnte die brasilianische Aktienanlage seiner Ansicht nach profitieren, wenn sich die Haushaltsglaubwürdigkeit und die Zinsaussichten verbessern. Dabei handelt es sich um eine Erwartung, die von der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung abhängt, nicht um eine garantierte Folge des Wahlergebnisses.
Der Anstieg war breit angelegt, fiel jedoch unterschiedlich stark aus. La Tercera meldete Kursgewinne bei Petrobras und Vale sowie Anstiege bei den Aktien von Itaú Unibanco und Bradesco. Die Entwicklung dieser Aktien zeigt, dass der Optimismus Unternehmen aus verschiedenen Branchen erfasste. Sie bedeutet jedoch weder, dass alle brasilianischen Unternehmen gleichermaßen profitieren werden, noch dass die Gewinne anhalten.
Eine Rally, die Wahlkampf und Korrekturen ausgesetzt ist
Die anfängliche Reaktion beseitigte die Unsicherheit nicht. Die Kandidaten mussten noch in der Stichwahl gegeneinander antreten, und die Anleger warteten auf konkretere Hinweise zu ihren Vorschlägen. Felipe Oyarzún, ein von La Tercera zitierter Analyst von XTB, warnte, die erste Reaktion spiegele weiterhin Erwartungen wider; die Aufmerksamkeit werde sich nun den wirtschaftspolitischen Signalen beider Kandidaten zuwenden.
Spätere Informationen von Valor deuten darauf hin, dass die Bewegung nicht geradlinig verlief: Nach dem starken Anstieg am Vortag gab der Ibovespa nach, während der Wechselkurs weiter zulegte und die inländischen Terminzinsen sanken. Diese Aktualisierung führt die Korrektur nicht von sich aus auf eine Veränderung der Wahlaussichten zurück. Sie erinnert jedoch daran, dass auf einen Marktaufschwung Anpassungen folgen können, selbst wenn einige Vermögenswerte weiter zulegen.
Für Unternehmen mit Brasiliengeschäft kann sich die Reaktion auf die Bewertung ihrer Vermögenswerte und auf die Umrechnung ihrer lokalen Einnahmen auswirken, wenn sie in einer anderen Währung berichten. Der Effekt hängt jedoch vom jeweiligen Geschäft, der Entwicklung des Real und davon ab, wie die Politik nach der Wahl umgesetzt wird. Die beobachteten Kursgewinne beschreiben die Marktreaktion an bestimmten Handelstagen: Sie garantieren weder bessere operative Ergebnisse noch niedrigere Finanzierungskosten oder eine anhaltende Wertsteigerung der Vermögenswerte.